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Musikvermittlung als kulturelles Praxisfeld hat sich in Europa in den letzten zwanzig Jahren entwickelt – im deutschsprachen Raum wurde dies zunächst Musikvermittlung, danach auch Konzertpädagogik genannt. Musikvermittlung setzt dafür an der Schnittstelle zwischen Kunst und Bildung an und schafft mit Impulsen aus der kulturellen Bildung, dem Kulturmanagement und der Kulturpolitik Räume und persönliche Begegnungen zwischen KünstlerInnen und Publikum.

Längst gilt das Feld der Musikvermittlung als fester Bestandteil unseres Konzertlebens – sei es der Einführungsvortrag vor dem Konzert, das begleitende Programmheft oder die Moderation zwischendurch, all das kann genauso Musikvermittlung genannt werden wie speziell für Kinder zugeschnittene Konzertformate oder ein Hörbuch. Ebenso vielfältig ist auch die Umsetzung der einzelnen Projekte – so wie die Definition des Begriffes nicht existiert, gibt es auch die Methode nicht. Das Anknüpfen an Traditionen sowie die Öffnung für Innovationen machen Musikvermittlung insofern zu einem Möglichkeitsraum, in dem etwas Neues entstehen kann – nicht nur für Kinder und Jugendliche oder Erwachsene, sondern für die Gesellschaft selbst und insbesondere für die

Musikvermittlung an Musikschulen

Die Disziplin Musikvermittlung hat nach erster Betrachtung recht wenig mit Musikschulen zu tun. Die meisten denken dabei an Klassenabende und Vorpielsituationen. Zu allererst steht im Instrumental- und Gesangsunterricht das Erlernen und Spielen des Instruments im Vordergrund. Erst wenn die notwendige Technik erlernt ist, kann auch musiziert werden. Die Berliner Instrumentalpädagogin Franziska Kraft beschreibt dies so:

Wir bringen mit viel Einsatz, Geduld und Ideen unseren Schülerinnen bei, wie sie richtig sitzen oder stehen, wie man ein „f“ oder „fis“ musiziert, wie man einen möglichst schönen Ton hervorbringt, wie man Noten liest oder Rhythmen klopft. Was wir ihnen – in der Regel – nicht beibringen, ist der ganze Rest, der zur Gestaltung eines erfolgreichen, emotionalen Konzerterlebnisses gehört: Was weiß das Publikum eigentlich über das Stück, was ich vorspiele? Was weiß ich selber darüber? Könnte man vielleicht mein Stück und das der anderen SchülerInnen zu einem Thema zusammenfassen? Ist das Konzert/sind die Stücke (zu) lang oder (zu) kurz? Könnten wir den Raum anders gestalten? Wie könnte ein selbstgemachtes Programmheft aussehen? Und was heißt eigentlich das Wort Bühnenpräsenz?*1

Bianka Wüstehube, Direktorin des Instituts für Musikpädagogik an der Anton Bruckner Privatuniversität Linz, beschreibt diesen Umstand in ihrem Artikel „Musikvermittlung im Kontext Musikschule“*2 mit folgender Frage: „Lernst du noch oder spielst du schon?“ Als Lehrende für Violine hat sich Bianka Wüstehube ganz besonders mit den Vorspielabenden an einer Musikschule beschäftigt. In Erinnerung an ihre eigenen Klassenabende kam in ihr sofort das Gefühl der Langeweile hoch. Dies galt es für sich selbst und ihre eigene Klasse zu verändern. Natürlich war das leichter gesagt als getan. Mit den Augen eines Veranstalters gesehen hatten die üblichen Klassenabende nicht gerade die besten Voraussetzungen, um gut verkauft werden zu können, würde folgendes Angebot gemacht werden:

Es werden 30 Flöten zu hören sein. Das Repertoire geht vom einminütigen Kinderlied über massenhaft pädagogische bzw. instrumentaltechnische Literatur bis hin zum 30 Minuten dauernden anspruchsvollen Solokonzert. Des Weiteren wird mitgeteilt, dass die Musiker und Musikerinnen zwischen sechs und 18 Jahre alt sind. […] Alle geben sich natürlich größte Mühe, aber bei manchen klingt es halt noch nicht so gut. Die Gesamtzeit des Konzerts wird ohne Pause mit ca. zwei bis zweieinhalb Stunden berechnet. […] Einige würden auch das Konzert verlassen, wenn ihr Kind gespielt habe, wodurch manchmal eine leichte Unruhe entstehen würde ....

 Stellt man sich selbst die Frage, was einen eigentlich motiviert, ins Konzert zu gehen, so sind es die Musikerinnen und Musiker, die mit ihrer Musik berühren, Geschichten erzählen und bewegen. Ist dies der Fall, wird auch gerne ein falscher Ton in Kauf genommen.

Als junge Musikschullehrende wollte Wüstehube das übliche Format verändern.

Zunächst webte ich kleine Geschichten um die Stücke meiner Schülerinnen herum. In diesen ging z. B. Hänschen Klein (mit Hut) in den Wald und traf da den Fuchs, der die Gans gestohlen hatte (mit Fuchsschwanz) und anschließend das Häschen in der Grube (mit Hasenohren). […] Auf einer Tafel im Hintergrund war ein entsprechendes Bühnenbild gemalt. […] Ich begann das Publikum mit einzubeziehen, und spannte den Bogen auch zum Theater und zur bildenden Kunst. Durch die übergreifenden Themen wurden die einzelnen Beiträge quasi zu Mosaiksteinen eines Ganzen, und die herkömmliche Programmreihenfolge – zu Beginn die Anfänger und am Ende die Stars der Klasse – wurde aufgelöst. […] Es ging um das Gelingen des Ganzen miteinander. Die gesamte Instrumentalklasse war in die Planung und Vorbereitung involviert und auch verantwortlich. Der Mehraufwand lohnte sich. Die Schüler und Schülerinnen freuten sich auf die Klassenabende, hatten weniger Lampenfieber und mehr Lust aufzutreten. Sie identifizierten sich mit den Konzerten und begannen, ihre Freunde einzuladen.

 Dieser Prozess beginnt natürlich schon viel früher als auf der Bühne. Jede Unterrichtsstunde kann ein Kunstwerk sein.

Wenn ich als Lehrerin erreichen möchte, dass meine Schülerinnen in der eben beschriebenen Weise musizieren, dann muss ich ihnen das bereits im Unterricht vorleben. […] Denn als Musikvermittlerin wirke ich hier bereits als Vorbild für die Art und Weise, wie die Schüler einem Publikum Musik vermitteln.

Mehr zum Thema Klassenabend, Unterrichtsgestaltung, Musikvermittlung in der Musikschule usw. findet sich in „Musikvermittlung – wozu?“ von Wolfgang Rüdiger (Hrsg.) und dabei insbesondere im Artikel von Bianka Wüstehube „Musikvermittlung im Kontext Musikschule“ bzw. auch immer wieder im Artikel auf der Website des MKM Musik & Kunst Schulen Management Niederösterreich.

Audience Development

Wenn ich ins Parkett hinunterschaue, was sehe ich? Einen Silbersee. Lauter Glatzen, lauter weiße Haarkränze. (Arno Wüstenhofer)

Der Begriff Audience Development (Publikumsentwicklung) wurde Mitte der 1990er-Jahre in den angelsächsischen Ländern als Bezeichnung für die strategische Gewinnung und Bildung neuen Publikums für Kultureinrichtungen eingeführt. Die Strategien des Audience Developments bedienen sich dabei Ansätzen aus Kulturmarketing, Public Relations oder Kulturvermittlung zur Gewinnung von Erkenntnissen zum derzeitigen potenziellen Publikum.

Gründe für das wachsende Interesse am Audience Development könnten (um nur einige wenige zu nennen) unter anderem das stetig wachsende Kulturangebot sein, das längst die Nachfrage übersteigt, bzw. auch der demografische Wandel des Publikums.

Mein Antrieb, meine Motivation war immer meine Liebe zum Publikum. (Ella Fitzgerald)

Wer sein Publikum kennt, sich darüber Gedanken macht und es wertschätzt, wird erfolgreich Publikum gewinnen können. Auch für Klassenabende gilt:

  • Wer sitzt in meinem Publikum (Eltern? Großeltern? Freunde?)?
  • Wo hole ich mein Publikum ab?
  • Was ist die maximale Dauer, die ich einem Publikum zumuten kann?
  • Was möchte mein Publikum wissen? Gibt es Informationen, die zusätzlich interessant sein könnten (Geschichten aus den Proben mit dem/der SchülerIn – natürlich nur solche, die auch erzählt werden dürfen, Gedanken zu den Werken …)?
  • Welche Fragen stellt sich mein Publikum?
  • Wen hätte ich gerne als mein Publikum? Was kann ich dazu tun, diese Personen ins Publikum zu bekommen?
  • Ist das Programm für mein Publikum vielleicht interessanter, wenn ich es inszeniere Geschichten um die Stücke herum baue?
  • Kann ich mein Publikum einbeziehen?


*1 Quelle: http://violinorum.de/musikvermittlung-in-der-musikschule-ein-para-doxon/
*2 In: Rüdiger, Wolfgang (2014): Musikvermittlung – wozu?. Umrisse und Perspektiven eines jungen Arbeitsfeldes. Mainz, S. 99

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